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Rosafarbene Kreuze gegen das Vergessen. Gewalt gegen Frauen in Mexiko

Rosafarbene Kreuze gegen das Vergessen. Gewalt gegen Frauen in Mexiko CC0 Public Domain/ wikipedia.org

Hunderte rosa und pinkfarbene Kreuze prägen derzeit den Eingangsbereich des Museums der Erinnerung und Toleranz in Mexiko Stadt. Sie sind Teil der Ausstellung Feminicidios en México ¡Ya basta! (Femizide in Mexiko.- Es reicht!). Das Denkmal gilt allen Frauen, die Opfer von Femiziden wurden.


Die rosanen Kreuze wurden zum internationalen Symbol des Femizids, nachdem in den 90er Jahren eine Welle der Gewalt gegen Frauen die Grenzstadt Ciudad Juárez erschütterte. Es ist kein Zufall, dass dieses Symbol seinen Ursprung in Mexiko hat. Alljährlich ist Mexiko unter den Ländern mit der höchsten Gewaltrate gegen Frauen. Doch damit nicht genug, die extreme Gewalt gegen Frauen steigt unaufhörlich an und es herrschen nicht nur eine hohe Straflosigkeit, fehlende Dokumentation, sondern auch eine Kultur des Schweigens.


Nicht nur ein Mord

 

Der Femizid ist ein soziales, kulturelles und politisches Phänomen, das das Leben von Frauen bedroht. Es ist der Mord an Frauen durch Männer, einfach nur aufgrund der Tatsache, Frau zu sein. Femizide sind motiviert durch Frauenfeindlichkeit und tiefen Hass auf Frauen. Sie sind der Gipfel der extremen Gewalt gegen Frauen und Mädchen, wie beispielsweise Demütigung, Vernachlässigung, körperliche und psychische Misshandlungen, sexuelle Gewalt, Inzest, usw., so die Definition des Nationalen, Zivilen Observatorium des Femizids (Observatorio ciudadano nacional del feminicidio, OCNF) in Mexiko. Der Femizid stellt nicht nur einen „einfachen Mord“ dar, sondern ist der willentliche Angriff auf das Leben einer Person aufgrund ihres Geschlechts. Das Konzept des Femizids ist vor allem mit dem Anliegen verbunden, ein politisches Verständnis der Gewalt gegen Frauen einzufordern und die öffentliche Dimension eines Verbrechens sichtbar zu machen, das oftmals in den privaten Raum verbannt oder ganz verschwiegen wird.

 

In Mexiko werden laut OCNF täglich sechs bis sieben Frauen ermordet, bei den Opfern handelt es sich zum Groβteil um junge Frauen zwischen 20 und 40 Jahren. Laut offiziellen Daten des nationalen Instituts für Statistik und Geografie (INEGI), wurden in den Jahren 2012-2015 in Mexiko 10.203 Frauenmorde registriert. Im Vergleich dazu, melden andere staatliche Quellen 8.555 Femizide, damit ist die Zahl um 1.648 Fälle niedriger als diejenige des INEGI. Dabei darf die hohe Dunkelziffer nicht vergessen werden, die sich in keiner der Statistiken widerspiegelt. Die systematische Unterregistrierung von Femiziden in staatlichen Quellen zeigt sich in verschiedenen Staaten des Landes, u.a. im Bundesstaat Mexiko. Hier wurden laut INEGI zwischen 2014 und 2015 770 Frauen ermordet, wobei staatliche Quellen nur 586 Frauenmorde anerkennen, dies sind 31% weniger. Edomex im Bundesstaat Mexiko ist derzeit die Region, welche die meisten Frauenmorde des Landes verzeichnet. Allein im Jahr 2016 wurden 2.500 Frauen als vermisst gemeldet und 550 Femizide registriert. Edomex verzeichnet somit mehr Frauenmorde als Ciudad Juárez zu der Zeit, als die Stadt als gefährlichster Ort der Welt für Frauen galt. Täglich kommt es in den Gemeinden rund um Mexiko-Stadt zu Vergewaltigungen, Entführungen und Morden an Frauen.

 

 

Alle 15 Sekunden ein Übergriff

 

Nicht nur die Zahl der Femizide im Land ist erschreckend, laut INEGI erlebten zwei von drei Frauen in Mexiko bereits auf irgendeine Art sexualisierte Gewalt. Alle 15 Sekunden wird eine Frau angegriffen, alle neun Minuten eine Frau vergewaltigt. 14% der Mexikannerinnen geben an, bereits unter körperlicher Gewalt ihres Partners gelitten zu haben, 43,1% unter psychologischer Gewalt, sowie 24,5% unter finanzieller und 7,3% unter sexueller Gewalt in einer Beziehung. Die Gewalttaten finden noch immer im Stillschweigen und Verborgenen statt und werden von der Gesellschaft gar als normal oder zumindest gerechtfertigt angesehen. Doch die Schreie der Opferfamilien und Zivilorganisationen nach öffentlicher Aufmerksamkeit und Gerechtigkeit werden lauter.

 

#IrineaBuendia, viacrusis por #justicia https://t.co/gpINGEsM7Q pic.twitter.com/Rc7LLOdJeY

— Red Defensoras Méx. (@RedDefensorasMx) 29. Juli 2016

 

„Ich habe keinen Selbstmord begangen - du hast mich getötet“ steht auf dem Plakat von Irinea Buendía Cortez, Mutter der im Juni 2010 getöteten Mariana Lima Buendía. Die junge Frau litt unter häuslicher Gewalt durch ihren Ehemann, den Polizeibeamten Julio César Hernández Ballinas und äuβerte im letzten Gespräch mit ihrer Mutter, dass sie sich von ihm scheiden lassen wolle, doch dazu kam es nicht mehr. Am gleichen Tag wurde sie mit schweren Verletzungen leblos in ihrem Haus aufgefunden. Der Fall ereignete sich in Ciudad Neza im Bundesstaat Mexiko und wurde über Jahre als Suizid untersucht, obwohl die Beweise eindeutig auf Mord hindeuteten. Nur durch den unerbittlichen Kampf der Mutter und die Unterstützung zahlreicher Zivilorganisationen, wurde der Fall, sechs Jahre später durch den Obersten Mexikanischen Gerichtshof (SCJN) als Mord anerkannt und der ehmalige Polizeibeamte verurteilt. Leider ist dies kein Einzelfall im mexikanischen Justizwesen. Häufig wird den Opfern selbst die Schuld zugeschrieben und nicht den Männern, die sie ermordet haben, erklären Humberto Padgett und Eduardo Loza in ihrem Buch „Las muertas del Estado“(dt. die getöteten Frauen des Staates).

 

Laut einer Studie des Instituts Mexikaner gegen Korruption und Straflosigkeit (MCCI) werden von den ca. 10.000 Frauenmorden zwischen 2012-2016 im Land nur 1.887 als Femizide typisiert, dies entspricht ca.19%. Die Mörder der Frauen können sich dadurch hohen Haftstrafen entziehen, oft kommt es erst gar nicht zu einer Verurteilung, geschweige denn zu einem Prozess. Im Bundesstaat Mexiko liegt die Straffreiheit der Frauenmörder bei fast 50%. Die Gewalt gegen Frauen, die in den Morden den Höhepunkt der Grausamkeit findet, ist somit auch Gewalt des Staates.

 

 

Keine isolierten Einzeltaten

 

Die Klassifizierung als Femizide verweist darauf, dass die Morde nicht als isolierte Einzeltaten betrachtet werden dürfen, sondern vielmehr als Ausdruck der gesellschaftlichen und politischen Strukturen. Deshalb müssen Femizide auch als solche benannt werden. Daraus ergibt sich die Verantwortung des Staates, die Straflosigkkeit zu bekämpfen, Frauenmorde als solche anzuklagen, Femizidfälle zu registrieren und Gesetze zu verabschieden und zu implementieren, die den Femizid als Tatbestand anerkennen und bestrafen. Diesem Thema widmet sich auch das Observatorio Nacional Ciudadano (ONC), das zu den Themen Sicherheit, Justiz und Rechtmäβigkeit forscht und seit Jahren  Partnerorganisation der Friedrich-Naumann-Stiftung ist. In seiner Studie aus dem Jahr 2015 wird stark kristisiert, dass es keine einheitliche Gesetzgebung zur Identifikation von Femiziden im Land gibt.

 

Jeder mexikanische Bundesstaat verfügt über seine eigenen Richtlinien und nur in 10 von 32 Staaten gibt es ein spezielles Protokoll zur Verurteilung und Ermittlung von Femiziden. In der Ausstellung zu Femiziden betritt man das Büro einer Polizeistation. Die Wände sind gepflastert voller Zeitungsartikel und Nachrichten zu vermissten und ermordeten Frauen. In den Regalen stapeln sich Ermittlungsakten und Ordner tausender unaufgeklärter Frauenmorde. Öffnet man diese, findet man häufig nicht mehr als eine Personenbeschreibung mit Foto und die unzureichend beschriebenen Umstände des Todes oder Verschwindens. Dadurch wird nicht nur das Scheitern des Justizsystems verdeutlicht, sondern auch die traurige Realität vermittelt, mit welcher die Familien der Opfer Tag für Tag leben müssen.

 

Doch sie sind nicht mehr allein im Kampf für Gerechtigkeit. In den letzten Monaten und Jahren haben sich nicht nur in Mexiko, sondern in ganz Lateinamerika Bewegungen organisiert, die ein Ende der Gewalt gegen Frauen fordern. Mit Slogans wie "Nicht eine weniger" oder "Wir wollen uns lebend" bringen sie ihre Anliegen vor allem über Soziale Netzwerke und Demonstrationen zum Ausdruck. Sie wollen das Thema in die politische Diskussion und den öffentlichen Diskurs einbringen und ein Umdenken in der Gesellschaft erreichen. Frauenmorde dürfen nicht länger im Dunkeln bleiben und verschwiegen werden. Die Täter müssen zur Rechenschaft gezogen werden und die Politik muss das strukturelle Phänomen der Femizide anerkennen und mit geeigneten Mitteln bekämpfen.

 

So werden auch am heutigen 8. März, dem Internationalen Frauentag, in aller Welt Frauen und Männer auf die Straβe gehen, um gegen Femizide und für das Grundrecht auf Leben, unabhängig des Geschlechts, zu demonstrieren.

 

 

Lena Bareiss ist Praktikantin im Stiftungsbüro in Mexiko-Stadt.

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